Karpaltunnelsyndrom (taube Finger, Kribbeln in der Hand)

1. Was ist ein Karpaltunnelsyndrom (KTS)?

Der „Karpaltunnel“ beginnt anatomisch am Übergang vom Handgelenk zur Handwurzel. Im Bereich der Handwurzel bilden die acht Handwurzelknochen in Form eines flachen U-Bogens den Boden und die Seiten des Kanals, das kräftige, quer verlaufende Handwurzelband bedeckt den Kanal beugeseitig (Abb 1).

Schemazeichnung eines Querschnitts durch den Karpalkanal
Abb 1. Querschnitt durch den Karpalkanal

Im Karpalkanal verlaufen neun Beugesehnen für Langfinger und Daumen sowie der Mittelnerv. Das KTS wird verursacht durch steigenden Druck im Karpalkanal, woraus dann eine Kompression des Mittelnervs resultiert (Abb 2). Wenn die weiche Struktur des Nervs gegen das quer verlaufende Handwurzelband gedrückt wird, kommt es zur Verschlechterung der Durchblutung im komprimierten Teil des Nervs und zu den typischen Symptomen

Karpaltunnelsyndrom - Nerven der Hand
Abb 2. Die sensible Versorgung der Hand

Verschiedene Ursachen können zur Entwicklung eines KTS führen:

  • Entzündliche Schwellung der Beugesehnenscheiden
  • Wassereinlagerung
  • Brüche mit Verschiebung oder in Fehlstellung verheilte Brüche im Handgelenk-, Handwurzel-Bereich
  • Quetschverletzungen mit starker Schwellung
  • Rheumatische und degenerative Arthritiden
  • Diabetes Mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Schwellungen des Nervs
  • Tumore oder tumorähnliche Veränderungen (fast immer gutartig)
  • Schwangerschaft

Selten kann das KTS ausgelöst werden durch sich ständig wiederholende Belastungen/Verletzungen im Rahmen besonders anstrengender Tätigkeiten.

Wesentlich häufiger können diese Tätigkeiten jedoch ein bestehendes KTS verschlimmern oder ein latentes KTS (noch ohne Symptome) auslösen. So wie berufliche Belastungen können auch andere Aktivitäten des täglichen Lebens und der Freizeit Symptome des KTS hervorrufen (z.B. längeres Rasenmähen oder Radfahren, Stricken, Holzarbeiten).

Das Vermeiden dieser Tätigkeiten, Arbeitspausen oder die Benutzung ergonomischer Werkzeuge können die KTS-Beschwerden unter Umständen bessern.

Grundsätzlich ist es schwer zu entscheiden, ob ein KTS auf beruflich oder privat belastende Tätigkeiten zurückgeführt werden kann.

2. Welche Symptome und welche Beschwerden sind Hinweise auf ein Karpaltunnelsyndrom?

Die häufigsten Symptome sind Taubheit, Brennen und Prickeln von einem oder mehreren Fingern, in der Regel unter Ausnahme des Kleinfingers. Diese Symptome können jederzeit auftreten, sehr häufig und typisch jedoch nachts oder am frühen Morgen. Sie führen zum Aufwachen des Patienten, der dann durch Schütteln, Massage und Hochhalten der betroffenen Hand sowie die Anwendung von kaltem Wasser Besserung erreicht. Die Schmerzen können sich ausdehnen über den Unterarm und den Ellbogen bis in Schultern und Hals. Diagnostisch abgrenzen muss man in diesen Fällen z.B. von der Halswirbelsäule ausgehende Beschwerden.

Bei Vorliegen eines KTS können die täglichen Aktivitäten mit Handgelenksbeugung und Greifbewegungen, wie z.B. Telefonieren und Autofahren, Taubheit und Prickeln hervorrufen.

Die Gefühlsminderung kann sich äußern in Unbeholfenheit und Schwäche der betroffenen Hand, sodass Patienten Gegenstände fallen lassen oder nicht mehr in der Lage sind, bestimmte feinmotorische Tätigkeiten oder einen festen Spitzgriff auszuführen.

Oft geben die Betroffenen auch ein Taubheitsgefühl, Kribbeln oder Einschlafen bei bestimmten Zwangshaltungen an, wie zum Beispiel beim Fahrradfahren. Diese  Symptome klingen nach Beendigung der Zwangshaltung meist rasch wieder ab.

Bei fortgeschrittenem KTS entwickelt sich in der Regel eine Thenaratrophie, d.h. die Thenarmuskulatur ist verschmächtigt. Als Folge sind die Beweglichkeit und die Kraft des Daumens eingeschränkt. (Abb 3)

Schemazeichnung einer Hand und deren Sehnen und Nervenbahnen zur Erklärung des Karpaltunnelsyndroms
Abb 3. Verlauf des Mittelnervs, Muskulatur des Daumenballens

3. Wie stellt man ein Karpaltunnelsyndrom fest?

In der Regel sichern die typische Vorgeschichte (Anamnese) und die klinisch-handchirurgische Untersuchung mit Feststellung der beschriebenen Symptome die Diagnose. Zur kompletten Diagnostik gehören unbedingt eine Röntgenuntersuchung des Handgelenkes, um knöcherne Ursachen auszuschließen, und eine neurologische Untersuchung. Durch Messungen am Mittelnerv lässt sich die Verdachtsdiagnose Karpaltunnelsyndrom zusätzlich bestätigen. Zudem kann die Prognose der Heilung nach der Operation besser eingeschätzt werden. Die Nervenmessung (vorher – nachher) dient zur Erfolgskontrolle nach der Operation.

4. Wie behandelt man ein Karpaltunnelsyndrom?

Im Frühstadium eines Karpaltunnelsyndroms, zum Beispiel bei nur gelegentlichem Einschlafen (etwa beim Fahrradfahren oder in der Nacht), reicht oftmals die konservative Therapie aus. Sie besteht in der Vermeidung oder Einschränkung bestimmter Tätigkeiten und dem Tragen einer Nachtschiene in leichter Streckstellung des Handgelenkes, die in Abhängigkeit von den Beschwerden auch tagsüber zu tragen ist. Zusätzlich kann eine Vitamin B-Therapie erfolgen (nicht bewiesen). Eine medikamentös ursächliche Therapie existiert nicht, allerdings kann bei entzündlichen Schwellungen, die zu Einengungen am Karpaltunnel führen, eine vorübergehende Cortisontherapie den Rückgang der Schwellung bewirken und damit auch die Beschwerden eines Karpaltunnelsyndroms lindern oder sogar gänzlich aufheben. Wenn die konservative Therapie nicht zum Erfolg führt, die Beschwerden des Patienten zu stark sind oder klinisch ein schweres und fortgeschrittenes KTS besteht, ist die Indikation zum operativen Vorgehen gegeben.

Nahezu alle Eingriffe können ambulant durchgeführt werden.
Vom OP Tisch auf das Sofa zuhause.

5. Welche Narkoseform ist für die Karpaltunneloperation notwendig?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Operation schmerzfrei durchzuführen. Ihr Narkosearzt wird Ihnen diese Möglichkeiten eingehend erläutern.
Grundsätzlich ist eine lokale Betäubung des Unterarmes ausreichend, da die Operation in der Regel nicht länger als 7-8 Minuten dauert. Eine so genannte Plexus -Anästhesie, die eine vollständige Lähmung des betroffenen Armes für mehrere Stunden nach sich zieht, ist für diesen Eingriff nicht notwendig.

6. Welche OP Techniken gibt es?

Es gibt zwei mögliche Operationsmethoden: die offene und die endoskopische. Die meisten handchirurgischen Operateure bevorzugen die offene OP über einen recht kleinen, circa 2 cm langen Schnitt in der Hohlhand. Dieser ermöglicht einen guten Einblick in den Karpaltunnel und erlaubt eine sichere Freilegung des Nervs. Unserer Erfahrung nach bietet dies den Vorteil, den Nerv vor Verletzungen zu schützen und ihn gleichzeitig vollständig aus der Verengung heraus zu lösen. Nachteilig bei diesem Verfahren ist der etwas vermehrte Narbenschmerz, der manchmal eine längere Arbeitsunfähigkeit zur Folge hat.

Die endoskopische Methode wurde vor allem in den USA entwickelt und kommt seit einigen Jahren auch in Europa vermehrt zum Einsatz: Über zwei kleine Zugänge (Abb. 5) wird mit einer eingeführten Optik das quer verlaufende Handwurzelband dargestellt und von der anderen Seite des gebildeten Kanals mit einem kleinen Messer gespalten. Diese minimalinvasive Methode hinterlässt kleinere Narben, erlaubt jedoch keine Inspektion des Nervs.

Schemazeichnung einer Hand zur Veranschaulicher der Hautschnitter bei 'endoskopischer Methode' zur Behandlung vom Karpaltunnelsyndrom
Abb 3. Hautschnitte bei 'endoskopischer' Methode

Offene OP-Methode

  • Hautschnitt (Abb. 4a)
  • Durchtrennung des querverlaufenden Handwurzelbandes (Abb. 4b)
  • Darstellung des Nervus medianus und des motorischen Thenarastes
  • Bei Bedarf Spaltung der äußeren Nervenhülle (Epineurium) des Nervus medianus
  • Ggf. Entfernung der Beugesehnenscheiden (Synovialektomie) bei entsprechenden entzündlichen Veränderungen
  • Das quer verlaufende Handwurzelband wird nicht vernäht, Nachteile für die Funktion sind hierdurch nicht zu erwarten
  • Hautnaht h. Kompressionsverband
Wie man Karpaltunnelsyndrom operieren kann
Abb. 4a. Hautschnitt bei offener Methode / Abb 4b. Durchtrenntes Retinaculum flexorum

Endoskopische OP-Methode

Vorteile:

  • kleinere Narben
  • weniger Narbenbeschwerden
  • kürzere Dauer der Arbeitsunfähigkeit (nicht gesichert)

Nachteile:

  • der Nerv kann bei der OP nicht inspiziert werden
  • eine eventuell vorliegende Beugesehnenscheiden-Entzündung kann nicht beurteilt und nicht behandelt werden
  • die Verletzungsgefahr wichtiger funktioneller Strukturen wie sensibler Nervenäste zu den Fingern, des motorischen Thenarastes zum Daumenballen oder des arteriellen Hohlhandbogens ist relativ hoch. (Abb. 5)
Enodskopische Operationsmethode bei Karpaltunnelsyndrom
Abb 5. Hautschnitte bei 'endoskopischer' Methode

7. Wie ist die Nachbehandlung nach einer Karpaltunneloperation?

Der Patient kann nach der Operation nach Hause gehen. Die nicht im Gipsverband fixierten Gelenke sollten bewegt, jedoch nicht belastet werden. Striktes Hochhalten für 4–5 Tage nach der OP ist unbedingt erforderlich, um Nachblutungen und/oder Schwellungen zu vermeiden (Hand immer über Herzhöhe). Die Nachbehandlung umfasst Kontrollen, das Abnehmen der Schiene, Verbandswechsel, Entfernen der Fäden und die Narbennachbehandlung. Nach 3-4 Wochen ist die Arbeitsfähigkeit meist wieder hergestellt.

1. Tag nach der OP:
Gips- und Weichteilkontrolle (auch beim Haus- oder überweisenden Arzt möglich).

5.–7. Tag nach der OP:
Abnahme der Gipsschiene und Verbandwechsel, Beginn mit Übungen unter Entlastung für das Handgelenk (auch beim Haus- oder überweisenden Arzt möglich).

14. Tag nach der OP:
Verbandwechsel und Entfernen der Fäden (auch beim Haus- oder überweisenden Arzt möglich).

1. Tag nach dem Entfernen der Fäden:
Ein Verband ist nicht mehr nötig. Beginn mit regelmäßigen (3–4 x tgl.) Übungen im kalten Wasser (ggf. unter Zusatz von Eiswürfeln). Kälte reduziert die Schwellung und nimmt den Schmerz. Patienten, die Kälte nicht vertragen, nehmen lauwarmes Wasser.

5 Tage nach dem Entfernen der Fäden:
Beginn mit der Narbennachbehandlung: 4–5 x täglich mit Ringelblumensalbe (oder anderen fetthaltigen Salben) dünn einreiben (massieren), die Narbe wird weicher, weniger schmerzhaft und besser belastbar („Abhärtung“ der Narbe). Unterstützen kann man diesen Effekt auch durch Beklopfen der Narbe, z.B. mit einer weichen Bürste.

Krankengymnastik und/oder Ergotherapie sind selten erforderlich, werden aber bei Auftreten von Bewegungseinschränkungen eingesetzt.

Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit beträgt in der Regel 3 bis maximal 4 Wochen.

3 Monate nach der OP sollten eine neurologische und handchirurgische Kontrolluntersuchung erfolgen.

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8. Welche Komplikationen können nach der Operation des Karpaltunnelsyndroms auftreten?

Seltene, aber gelegentlich auftretende Probleme nach einer Karpaltunneloperation sind Wundheilungsstörungen. Diese sind in nahezu allen Fällen unproblematisch. Schwere Infektionen, die eine erneute Operation erforderlich machen, sind äußerst selten. Verletzungen der Funktionsstrukturen wie Sehnen oder Nerven sind theoretisch möglich, kommen aber bei ordnungsgemäßer und sorgfältiger Durchführung der offenen Operation so gut wie nie vor. Bewegungseinschränkungen der Hand oder Finger sind unseren Patienten bislang unbekannt.

9. Wie ist die Prognose des Karpaltunnelsyndroms?

Grundsätzlich ist die Prognose sehr gut. Voraussetzung ist jedoch, dass der Nerv nicht zu stark geschädigt ist. Messwerte oder auch die Ausprägung der Symptome lassen nicht immer eine exakte Einschätzung der Prognose zu. Grundsätzlich gilt, dass mit Dauer der Beschwerden die Erholungszeit entsprechend verlängert ist. Gerade bei älteren Patienten (über 80 Jahre) muss bei starker Ausprägung der Symptome und entsprechend schlechten Messwerten mit einer nicht vollständigen Rückbildung der Beschwerden gerechnet werden.

In der Regel bilden sich die KTS-Beschwerden jedoch schon in der ersten Nacht nach der OP zurück. Narbenbeschwerden verschwinden weitgehend innerhalb der ersten 6–8 Wochen. Nach 3–6 Monaten klagen die Patienten nicht mehr über Narbenschmerzen. Ihren endgültigen Zustand hat die Narbe etwa 12 Monate nach der OP erreicht.

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